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Chris Marker – Abschied vom Kino

Die Ausstellung ist einem der profiliertesten Akteure der jüngeren Medien- und Kunstgeschichte gewidmet: Zum ersten Mal überhaupt sind verschiedene Arbeiten von Chris Marker in einer Schau zu sehen. Viele seiner über drei Dutzend Filme gelten als Klassiker des Kinos, etwa Lettre de Sibérie (1958) und La jetée (1962). Dabei ist Chris Marker nie nur Filmemacher gewesen, sondern auch Fotograph, Poet, Publizist, Medienkünstler, Reisender, Kritiker und Aktivist. Er selbst würde sich heute vielleicht am ehesten als Bricoleur bezeichnen; ein Begriff, der in Frankreich einen durchaus ernsthaften Klang hat.

Bei Sans soleil (1982), seinem wohl wichtigsten Essayfilm, begann Marker mit der digitalen Bearbeitung von Bildern. Und dies bevor die entsprechenden Programme etwa für den Apple-Computer verfügbar waren. So wird der Blick einer Frau auf dem Markt der Kapverdischen Inseln, die für einen entscheidenden Sekundenbruchteil dem Blick von Markers Kamera nicht ausweicht, sondern ihn erwidert, durch die Veränderung entrückt und das Bild dadurch noch deutlicher zu dem, was es ist: ein Bild.

Solche aufklärerischen Eingriffe ins Innere der Bilder prägen auch die aktuelle Arbeit Staring Back (2007): Aus seinem immensen Archiv hat Marker über 200 kraftvolle Menschenbilder aus sechs Jahrzehnten ausgewählt und durch digitale Bearbeitung sowie den Verzicht auf Farbe zusammengebunden. Die Fotographien, Film- und Videostandbilder zeigen sowohl auf Reisen zufällig getroffene Frauen und Männer, soziale und politische Ereignisse wie den Mai 68 oder die Studentendemonstrationen des Frühlings 2002 in Paris, als auch Figuren der Zeitgeschichte wie Fidel Castro oder Salvador Dalí. Marker selbst wiederum wurde so zu einem eminenten Zeitzeugen des 20. und 21. Jahrhunderts. Und neben dem flüchtigen Wechselspiel zwischen dem (Kamera-)Auge des Betrachters und jenem der Betrachteten zeigen die Bilder von Staring Back auch ein erinnerndes »Zurückblicken« innerhalb von Markers Werk.

Diese intensive Arbeit am eigenen Gedächtnis hatte letztes Jahr am Wexner Center for the Arts in Columbus (Ohio) Premiere, danach wurde sie auch in New York gezeigt. Für Zürich hat Marker die Auswahl nun überarbeitet und erweitert – durch neue Aufnahmen von 2007 und 2008 sowie ein knappes Dutzend Porträts von anderen Filmemachern wie Akira Kurosawa, Francis Ford Coppola, Alexander Medwedkin oder Andrej Tarkowski.

Neben der von Marker während zehn Jahren herausgegebenen Reisebuch-Reihe »Petite Planète« (1954–64), der CD-ROM »Immemory« (1997) und Einblicken in seine umfangreiche DVD-Sammlung werden auch zwei wichtige Multimedia-Installationen gezeigt: Silent Movie (1995), eine Hommage an den Stummfilm zum 100. Geburtstag des Mediums Film, und Owls at Noon Prelude: The Hollow Men (2005), eine Verarbeitung von T.S. Eliots Gedicht »The Hollow Men« über den ersten Weltkrieg. Vom Museum of Modern Art in New York in Auftrag gegeben, wurde diese Installation bei dessen Wiedereröffnung 2005 erstmals gezeigt.

Markers Assistent und Alter Ego, der kundige Kater Guillaume, erschien erstmals auf »Immemory«. Seither kommentiert er als Protagonist eines Internet-Newsletters das Weltgeschehen mit Scharfsinn und Witz. Den letzten Film Leila Attacks hat Marker 2006 mit der Videokamera gedreht und bald darauf ebenfalls im Internet zugänglich gemacht (auch zu sehen unter www.youtube.com). Angesichts seines fortgeschrittenen Alters wird Leila Attacks vielleicht dereinst Markers letzter Film geblieben sein. Dies war mit ein Grund für den Ausstellungstitel Abschied vom Kino.

Als aktuellstes Internet-Projekt und derzeit letztes Werk Markers werden Auszüge der Ausstellung auf der Plattform »Second Life« präsent sein (http://slurl.com/secondlife/Ouvroir/187/66/40). In dieser virtuellen Welt wird Markers Avatar hin und wieder anzutreffen sein.

Sein filmisches Werk ist gleichzeitig im Kino zu sehen: Komplementär zur Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich zeigt das Filmpodium der Stadt Zürich im April und Mai eine überfällige Retrospektive mit den wichtigsten Filmen von Chris Marker.

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Termin

12.3. — 29.6.08
© 2008, Schnitt Online
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