The Indie Theory
Von Nikolaj Nikitin
Eine Stadt in Schweden und eine der größten Metropolen der USA – Umea und Chicago, zwei Städte, die eines verbindet: ambitionierte Filmfestivals, bei denen vor allem US-Independents überzeugten.
USA. Filmexportland Nr. 1. Chicago, nach LA und NY (nicht nur das Kürzel verweist auf ihren Status des absolut Ungewöhnlichen) die eigentlich wahrnehmbare, bodenständige Großstadt, hat neben »ER« und
High Fidelity so einiges zu bieten – z.B. das älteste nordamerikanische Filmfestival mit Wettbewerb. Ein besonders wichtiger Aspekt bezüglich Festivals in den USA, der auch für fast alle kulturellen Ereignisse gilt, ist der, daß es keinerlei öffentliche Förderung bekommt. So ist es ein Trugschluß zu glauben, es wäre um vieles einfacher, dort ein Festival auf die Beine zu stellen. Aber bereits zum 36. Mal gelang es den Chicagoern, eines auszurichten.
Neben einem internationalen Wettbewerb bot das Festival eine eigene Sektion für die FIPRESCI (Internationale Filmkritikervereinigung). In dieser Sektion gab es 2000 gleich zwei Gewinnerfilme: ein ex aequo zwischen dem spanischen
Krampack und dem japanischen
Sunday's Dreams. Der zweite stellt die zweite Regiearbeit von Yoichiro Takahashi dar. Obwohl es sich um eine HDTV-Produktion handelt, beeindruckt die Geschichte des jungen Kazuya – eines melancholischen Tagträumers, dem das Schicksal ein fatales Schnippchen schlägt, als er gerade die erste große Liebe zu entdecken scheint – durch ihre kinematographische Komposition. Der Regisseur nimmt sich viel Zeit, um Kazuya bei endlosen Streifzügen durch's urbane Gefilde zu verfolgen. Sein Abgeschottetsein von der Außenwelt spiegelt sich auch in der Kadrierung und Inszenierung wider, entscheidende Vorkommnisse werden außerhalb des Bildes erzählt. Zudem beeindruckten zwei einheimische Independents, die den Zeitgeist bei weitem exakter einfingen als manch überambitionierter Europäer. Nach einer gewissen Flaute greift
George Washington das Qualitätsniveau der frühen 90er auf. Der Film reflektiert soziale Strukturen im zeitgenössischen Amerika.
David Gordon Green widmet sich in seinem Debüt
George Washington den »Kids« einer Ghettogegend. Äußerst einfühlsam und mit ausgezeichneten Darstellern besetzt, betrachtet er eigenwillig den American Dream, wobei in all seinen Einstellungen sein großes Vorbild und Idol Terrence Malick zu spüren ist.
Ein weiterer US-Indie bot einen Höhepunkt beim schwedischen Filmfestival Umea im hohen Norden, 300 Kilometer vom Polarkreis entfernt:
The Auteur Theory. Der Film im Film des New Yorkers Evan Opperheimer stellt besonders für Filmfestivaltouristen ein spannendes Szenario dar. Im Rahmen eines studentischen Filmfestivals beginnt plötzlich eine unerklärliche Mordserie. Gespickt mit Filmzitaten und Dialogen, die teilweise ZAZ-Niveau erreichen, wird von der US-TV-Serie bis zum ambitionierten Kunstfilmer alles durch den Kakao gezogen. In der weiblichen Hauptrolle brilliert die talentierte Natasha Lyonne (siehe Filmkritik
Weil ich ein Mädchen bin), eines der faszinierenden Gesichter des neuen US-Films.
Da sich das Festival nicht dem Zwang eines Wettbewerbs aussetzt, hatte der Besucher neben der überwältigenden Natur und jenseits der Stille des hohen Nordens die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Jahresproduktionen zu betrachten; aus deutschen Landen war
Freunde zu sehen. Dabei überzeugte vor allem die Vielfalt und das breite Spektrum. Ein weiteres Highlight des Festivals stellte die Präsenz eines der versiertesten Kameramänner und Regisseure der Filmgeschichte dar: Jack Cardiff feierte in Umea seinen 86. Geburtstag. Im Gegensatz zu Chicago, wo die Vorführungen in einem Multiplex stattfanden und es keine rechten Meeting Points gab, war das Festival sehr überschaubar und dank der professionellen Leitung des Direktors Thom Palmen äußerst angenehm.