Von Markus Fritsch
Manche Filme ziehen den Zuschauer schon nach der ersten Szene in ihren Bann und lassen ihn bis zum Schluß nicht mehr los. Andere Filme plätschern bis zum Schluß einfallslos vor sich hin.
Meistens wird dies schon mit der ersten Einstellung deutlich. In Kolya erzeugt eine Kamera, die durch das sonnendurchtränkte Licht der Wolken fliegt, einen schwebenden Zustand. Kombiniert mit klassischer Musik wird eine religiöse Stimmung erzeugt, die auf einen geistigen Ruhezustand verweist, der meistens in Kombination mit noch verbotenen pflanzlichen Genußmitteln auftritt.
Die sinnliche Magie der Bilder in Kolya erinnert an das Prinzip der poetischen Kamera von Henri Alekan, und ebenso spielt der Film mit romantischen Elementen, die durch die verwinkelte Architektur Prags noch verstärkt werden. Auf dieser dichten Gefühlsklaviatur werden alle Klischees des Melodrams auf gekonnte Weise miteinander kombiniert: Frantisek Louka (Zdenek Sverak), ein Cellist in den Vierzigern, der aufgrund politischer Gründe einst von den Philharmonikern entlassen wurde, verdient seinen Lebensunterhalt, indem er auf Beerdigungsfeiern im Krematorium spielt. Als Fluchtwege aus dieser tristen Todesatmosphäre dienen ihm flüchtige sexuelle Begegnungen mit Frauen und die Musik, die das Zentrum seines legeren Lebensstils bildet.
Mit jener Leichtigkeit ist es jedoch zu Ende, als ihm Kolya (Andrej Chalimon), das russische Kind aus seiner mißglückten Scheinehe, vor die Tür gesetzt wird. Zuerst widerwillig beginnt Frantisek, Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Ähnlich wie im »Prager Frühling« 1968 bekommt er nun aufgrund seiner angeeigneten Vaterrolle Ärger mit den Behörden. Am Vorabend der »Velvet Revolution« von 1989 befindet sich Frantisek erneut auf der Flucht vor einer allmächtigen Staatsbürokratie.
Das Neue, das sich in der Figur von Kolya widerspiegelt, wird als Bedrohung und Herausforderung zugleich empfunden. Zum einen verschwinden mit Kolya und dem Abzug der Russen die alten Feindbilder und gesellschaftliche Grenzen werden aufgelöst. Das Verantwortungsgefühl für Kolya erwächst jedoch aus der Furcht vor einer Gesellschaft, in der menschliche Beziehungen durch Geld dominiert werden. Während der öffentliche Raum und die Beziehungen der Menschen durch den Warentausch geregelt werden, überlebt die Sehnsucht nach der alten überschaubaren Welt – ein Zwiespalt, der vorerst nicht aufgelöst werden kann.
Die Sehnsucht nach der verlorengegangenen Magie des Alltags zeigt sich ex negativo in der Inszenierung von scheinbar belanglosen Dingen, die plötzlich bedrohlich erscheinen: der tropfende Wasserhahn, der bedrückend wirkt, das Zittern der Tische, als russische Militärfahrzeuge vorbeifahren oder die bedrohliche Mechanik einer Rolltreppe, die den täglichen Menschenstrom der Arbeitswelt befördert, in dem sich Menschen trotz körperlicher Nähe immer stärker voneinander entfremden.
Vor allem die poetische Darstellung der alltäglichen Dinge ist es, die den Film zu einem Genuß machen und z.B. das klischeeüberladene Frauenbild des Films vergessen lassen.
Als einer der beiden Hauptdarsteller überzeugt der erst sechsjährige Andrej Chalimon in seiner Rolle als Kolya. Gerade durch seine schauspielerische Leistung bewältigt der Film den so schmalen Grat zwischen rührseliger Schmonzette und ernstzunehmender Melodramatik.
Kolya ist ein Film, der den Zuschauer durch seine Erzählweise auf eine Reise mitnimmt und verzaubert.