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Elephant

USA 2003. R,B,S: Gus Van Sant. K: Harris Savides. P: Meno Films. D: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell u.a.
81 Min. Kinowelt ab 8.4.04

Perspektivwechsel

Von Christoph Huber Daß in der ersten Szene von Elephant der Rückspiegel eines Auto abrasiert wird, ist kein Zufall: Gus van Sants neue Arbeit ist ein Film über unvollständige Wahrnehmung. Schon die Struktur von Elephant, wahrscheinlich Béla Tarrs Sátántangó geschuldet, legt das nahe: In zeitlich verschachtelten Sequenzen – meistens lange, gleitende, von Harris Savides virtuos komponierte Kamerafahrten durch sterile Highschool-Korridore, die dem in einem Zwischentitel benannten Protagonisten des jeweiligen Segments folgen – werden dieselben Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven gestreift, der Zuseher entdeckt an solchen Knotenpunkten unweigerlich Details, die ihm vorher entgangen sind. Die Implikation ist klar: Diese Informationen sind übersehen worden, weil der Blick zuvor durch eine andere »Erzählung« – sofern man bei einem deutlich antinarrativ gelagerten Film wie diesem überhaupt von so etwas wie Erzählung sprechen kann – gelenkt worden ist. Die Pointe von Elephant ist freilich, daß letztlich alle Details gleich (un)bedeutend sind, weil sich die einzelnen Stränge nie zu einem sinnstiftenden Ganzen formen, sondern notwendigerweise subjektive Wahrnehmungsfetzen bleiben. Van Sants Thema hier ist das Unbegreifliche: Statt Erklärungen anzubieten, stellt er nur fest, daß seine Vermutungen über die Ursachen eines Highschool-Massakers nicht stichhaltiger sind als die eines x-beliebigen anderen; darum kann er es sich auch leisten, die gern bemühten üblichen Verdächtigen (Ballerspiele, Nazi-Videos etc.) umstandslos einzubauen, weil sie im Kontext von Elephant nicht mehr Bedeutung besitzen als die halbgehörten Satzbrocken auf der kunstvoll montierten musique-concrète-Tonspur.

Das Resultat ist ein schöner, schlichter Film über ein unangenehmes, kompliziertes Thema, dem das Unbehagen darüber spürbar anzumerken ist: Wenn es in Elephant eine Schlüsselszene gibt, dann diejenige, in der der Schulzeitungs-Fotograph angesichts der hereinstürzenden Mörder gar nicht anders kann als schnell noch (s)ein letztes Bild von ihnen zu schießen.

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.

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