Schnitt Online

DoppelPack

D 2000. R,B: Matthias Lehmann. B: Eckhard Preuß. K: Jo Heim. S: Edith Eisenstecken, Evi Oberkofler. M: Attila the Stockbroker u.a. P: Catapult/Prokino D: Eckhard Preuß, Markus Knüfken, Jochen Nickel, Margret Völker, Edgar Selge, Jeanne Tremsal, Manfred Zapatka u.a.
88 Min. Prokino ab 17.8.00

Letzte Ausfahrt Dorstfeld

Von Thomas Waitz Slacken in Dortmund: Schnapsverkostung bei Feinkost Köhler, im Westpark unter den Bäumen liegen, im Schatten, ausruhen vom Nichtstun. Ein Film über Körperöffnungen. In die obere wird Dosenbier geschüttet. Aus der anderen, weiter unten, kommt alles wieder raus. Im besten Fall – manchmal dauert es etwas länger. Hoffi und Lehmi sind wieder da – Matthias Lehmann gibt den beiden Figuren seines Kurzfilms Pas de deux diesmal die knappe Spielfilmlänge. Ein dezentes, liebevoll gezeichnetes Buddy Movie ist dabei entstanden, mit allem, was dazugehört: gemeinschaftlichem Herumgehänge, Reden, Trinken. Vor allem: Bier trinken. Und »das Kokoszeug«, zwischendurch, mehr versehentlich, weil Lehmi nicht schnell genug reagiert.

Lehmi, bei Geburt: Steißlage, heute, bei Frauen: Scheißlage. Er ist einfach zu langsam. Und zu schweigsam, klar. Nach eigener Meinung, im inneren Monolog, so, wie es zuletzt modisch geworden zu sein scheint, wird das von der Figur selbst vorgetragen. Wenn Lehmi nur hin und wieder mal was sagt, redet Hoffi die ganze Zeit. Markus Knüfken spielt ihn mit einer Mischung aus entschlossener Naivität und infantiler Ausgelassenheit. An manchen Stellen gerät ihm das unfreiwillig zum Tom-Gerhardt-Imitat: die albernen Gesten, das überdrehte Gehabe beim Anprobieren einer Jacke, das ist schon ziemlich hanswurstig und ja auch: unnötig. Eckhard Preuß, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, bleibt mimisch ganz zurückhaltend.

Schade, daß es dem Film nicht gelingt, der mittlerweile schon oft gesehenen Industrielandschaft des Ruhrgebietes neue Seiten abzugewinnen: Soviel Gasometer war wohl noch nie da, und der Linienbus, in dem sich die beiden Helden fortbewegen, fährt alle klischeehaften Wahrzeichen der Stadt ab. Immerhin: So poetisch, so relaxt, so cool ist der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland noch nicht dargestellt worden.

In langen Einstellungen und mit einer gemütlichen Steadycam paßt sich Jo Heims unaufdringliche Fotographie dem Erzählrhythmus des Films an: Lehmann läßt sich Zeit, für seine Figuren und für seine Geschichte. Manchmal, wenn die Handlung ganz reduziert ist, bei Null anzukommen scheint, bleibt nur noch die wundervolle Leichtigkeit des Nichtstuns. »Wir haben keine Termine«, sagt Lehmi einmal, »und wir brauchen auch keine.«

In solchen Momenten stört allein der unattraktive Popsoundtrack. Das Konzert am Ende des Films bestreitet eine Pogoband, die Punk und Mittelalter in einer ungewollt komischen Synthese zusammenführt. Ist das Parodie oder ist das ernst gemeint? Hoffen wir entgegen aller Symptome Ersteres. Aber so recht übel nehmen mag ich diesem Film selbst das nicht.

Weitere Autoren

Shop

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #19.

Medien

 |  |  TV-Tip

© 2008, Schnitt Online
del.icio.us Mister Wong YiGG folkd LinkARENA alltagz oneview   Yahoo! Google   MySpace Facebook