Schein-progressiv
Von Carlos Aguilar
Almodóvar legt ein neues Opus vor, das im Konzept ebenso raffiniert ausgefeilt wie in der Umsetzung vollständig fehlgeschlagen ist. Der Film ist ein Verschnitt aus früheren Arbeiten, damit der Zuschauer die Handschrift des Regisseurs wiedererkennen kann; eine dem Anschein nach neue Perspektive soll indes den Eindruck einer künstlerischen Weiterentwicklung vermitteln.
Bezogen auf den ersten Punkt kommt
Alles über meine Mutter als ein schwul-kitschiges Melodram daher. Verschiedene Figuren und Handlungsstränge kreuzen sich in einer modischen und chromblitzenden Design-Ästhetik und einem gänzlich geheimnislosen und unmotivierten Handlungsverlauf, dessen Heterogenität Ideenarmut anstelle von Einfällen im Überfluß verrät. Bezogen auf den zweiten Punkt, will der Film sowohl ein Gesang an die Mutterschaft als auch, etwas allgemeiner, ein Lob verschiedener Formen von Weiblichkeit sein, deren Spannweite von einem traditionellen Verständnis bis zum Transsexualismus reicht. Beiden Anliegen mangelt es jedoch zur Gänze an Konsistenz, und sie offenbaren Almodóvars üblichen Opportunismus. Denn das Lob des Weiblichen stellt eine der Hauptkonstanten, um nicht zu sagen einen der Topoi des vermeintlich engagierten Kinos der 90er Jahre dar, das bis zum Mainstream reichte.
Um das Übel vollzumachen, vereint
Alles über meine Mutter die beiden zuvor genannten Ingredienzien zu einer im Handlungsverlauf unglaubwürdigen und im Künstlerischen unwahrscheinlichen Geschichte, der es an Rhythmus mangelt. Am wirkungslosesten ist sie, wenn es um ein vermeintlich tragikomisches Gleichgewicht geht: Will der Film lustig sein, dann ist er allenfalls pathetisch; versucht er zu emotionalisieren, ist er bloß lächerlich. Diesen Film bevölkern verwunschene, ja verblendete Figuren, die sich nur untereinander glücklich machen wollen (Almodóvars Verständnis von Political Correctness). Die Auswahl der Darsteller bestätigt selbstverständlich dieses pikareske Streben, Treue zum eigenen Werk und Fortschritt unter einen Hut zu bringen. So vereint Almodóvar vor der Kamera seine Stammschauspielerin Marisa Paredes, die argentinische Rückkehrerin Cecilia Roth, die Rückfalltäterin Penélope Cruz, heute Spaniens größter Jungstar, mit Neuakquisitionen wie Candela Peña. Die gewählte Perspektive des Films, die der Erfindung Form geben soll, hätte schließlich kaum irritierender ausfallen können, denn es handelt sich um eine primitive Pornographie der Gefühle auf der Suche nach schnellen Tränen und billiger Kommerzialität. Vielleicht ist es unnütz, aber sicherlich nicht überflüssig, als Antithese zu Almodóvar den großen Aki Kaurismäki ins Feld zu führen, und sogar den Clint Eastwood von
Bridges of Madison County, ganz zu schweigen von der Erinnerung daran, wie sehr der geniale Luis Buñuel verabscheute, was er die »sentimentale Infektion« nannte.
Alles über meine Mutter wird ohne Zweifel weltweit ein großer Erfolg werden. So bleibt aus meiner Sicht nur noch hinzuzufügen: Almodóvars kinematographischer, um nicht zu sagen gesellschaftlicher Triumph ist genau das, was eine derart schwachsinnige, leere, blinde, gleichförmige und fortschrittsfeindliche Kultur wie die unsrige seit dem gewaltsamen Einbruch der sogenannten Postmoderne verdient.
(aus dem Spanischen übersetzt von Ursula Vossen)