Obsluhoval jsem anglického krále. CZ 2007. R,B: Jirí Menzel. K: Jaromír Sofr. S:Jíri Brozek. M:Ales Brezina. P: AQS, Barrandov Studios u.a. D: Oldrich Kaiser, Julia Jentsch, Ivan Barnev, István Szabó, Martin Huba u.a. 120 Min. Farbfilm (Barnsteiner) ab 21.8.08
Der Mann mit Vergangenheit
Von Patrick Hilpisch
Ein Mann blickt zurück. Zurück in eine bewegte Vergangenheit. Nach 15 Jahren im Prager Zuchthaus läßt der ehemalige Pikkolo Jan Díte sein Leben Revue passieren – irgendwo in der böhmischen Einöde, die genauso geschichtsträchtig wie verlassen ist. Überall stößt der kleine Mann aus kleinen Verhältnissen auf Zeugnisse. Zeugnisse einer Zeit, in der Vieles möglich war, Vieles geschehen ist und die weiter weg erscheint als sie es tatsächlich ist. Ebenso wie seine Geschichte, sein Leben, das ihm vorkommt, als hätte es jemand anderes gelebt.
Nichts weniger als den amerikanischen Traum will der junge Díte leben – von der kleinen Hotelbedienung zum Millionär. Ausgestattet mit der fundamentalen Einsicht, daß der Mensch fast alles für Geld tut, arbeitet sich der Tscheche die Karriereleiter hoch. Beflügelt von der Dynamik des Kapitals serviert sich der ambitionierte Karrierist durch Restaurant, Bordell und Grand Hotel. Vorbei an Lehrern, Industriellen und nationalsozialistischen Besatzern. Unaufhaltsam scheint er sich seinen Weg zum Erfolg zu bahnen – mit Raffinesse, einer gehörigen Portion Durchsetzungsvermögen und (un-)glücklicher Fügung.
Immer wieder sind es Spiegel, die in ihrer Reflektion das Reflektieren des alten Jan Dítes antreiben. Als müßte er sich vergewissern, daß die von ihm erzählte Geschichte wirklich seinem Körper und somit seiner Erinnerung entspringt. Hat der wiederkehrende Blick durchs Bierglas das verzerrte Weltbild des jungen Pikkolos vermittelt, so konfrontiert der spätere Blick in den Spiegel den alten Mann mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses Weltbildes und somit seines Lebens.
Das episodenhafte Eintauchen in die Vergangenheit wird allerdings nicht melancholisch eingefärbt oder intellektuell sezierend dargeboten. Regisseur Jirí Menzel läßt seinen Protagonisten in den Rückblenden frisch und unverblümt auftreten, ohne jegliche Schwere einer nachträglichen kritischen Betrachtung. Und dem folgt auch die Inszenierung. Dem eleganten Schnitt, dem Sog der Bilder, dem Charme, Witz und Esprit des kleinen ambitionierten Mannes kann man kaum widerstehen. Auch wenn er sich aus Liebe und Naivität auf die Seite der Nazis stellt und nach fragwürdigen Motiven handelt.
Zu einem gebrochenen Mann läßt der Blick auf sein Leben Jan Díte nicht werden. Seine Vergangenheit mag ihm nach all den Jahren fremd erscheinen, aber ein Lächeln kann sie ihm doch aufs Gesicht zaubern. Und für eine amüsante Anekdote für Gäste beim Abendessen ist sie allemal gut. In diesem Sinne nimmt Ich habe den englischen König bedient ein versöhnliches Ende, das eine Art »Carpe-Diem-Mentalität« versprüht.