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Cassandras Traum

Cassandra's Dream. GB 2007. R,B: Woody Allen. K: Vilmos Zsigmond. S: Alisa Lepselter. M: Philip Glass. P: Virtual Films, Wild Bunch. D: Colin Farrell, Ewan McGregor, Tom Wilkinson, Sally Hawkins, Hayley Atwell, Mark Umbers, Tamzin Outhwaite u.a.
108 Min. Constantin ab 5.6.08

Ein Schiff wird kommen

Von Daniel Bickermann Es ist dem Fleiß Woody Allens zu verdanken, der uns in seiner erstaunlichen Karriere mit inzwischen über 40 Filmen versorgt hat, daß man längst all seine noch so gegensätzlichen Vorlieben kennt: Bergman, Tschechow und Dostojewski, Fellini und Freud, die italienische Oper und die griechische Tragödie, die Glamour-Gangster der 40er und die jüdische Witzkultur der 50er. Das Genie dieses ewigjungen Altmeisters besteht darin, trotz der sich wiederholenden Motivik immer wieder aufs Neue überraschen zu können. In Cassandras Traum, soviel sei verraten, sind Motive Tschechows (der Mensch als vorhersehbarer Dummkopf, der die gleichen Fehler wieder und wieder begeht) und der griechischen Tragödie (die erste Szene, der Kauf des Boots mit der unheilschwangeren Namen, der dem Film auch als Titel dient) besonders prominent vertreten. Zugleich läßt Allen aber auch einen neuen Geschmack einfließen, den man so noch nicht von ihm kannte: Im Gegensatz zum opernhaften Match Point weht durch Cassandras Traum ein Hauch von Claude Chabrol, von den schmutzigen Familiengeheimnissen, den mörderischen Zwängen des modernen Kleinbürgerlebens und den leisen, unspektakulären Gewalttaten, die sich daraus ergeben. Und als Dreigabe kriegt man obendrauf noch einen Schlag kalten, gemeinen Sarkasmus, den man dem 72jährigen gar nicht mehr zugetraut hätte.

Bemerkenswert ist vor allem aber die präzise Beschleunigung in Allens Film. Der Beginn plätschert minutenlang scheinbar handlungsarm vor sich hin, die Szenen sind knapp und prosaisch ohne erkennbaren dramaturgischen Bogen, beinahe aufdringlich in ihrer subtextuellen Absicht. In Wirklichkeit legt Allen hier sehr geduldig ein feines Netz aus, das er dann mit perfider Langsamkeit unaufhaltsam immer weiter zuzieht. Es wird einen Mord geben, soviel steht fest. Aber hier sieht man die Klasse eines großen Erzählers: Anstatt sich blind in die Aktion zu stürzen und sich die Psychologie für die Nachwirkung aufzuheben, begutachtet Allen mit teils grausamer Präzision die Vorbereitungen der Mörder, die Rechtfertigungen, die man sich im voraus zurechtlegt, die Moral, die tagelang an den Nerven zerrt, und das unerträgliche Warten. Wenn es dann endlich soweit ist, hat der Regisseur seine anfangs etwas steril wirkende Versuchsanordnung von den zwei Brüdern mit Leben gefüllt und die Spannungsschrauben ganz unmerklich so lange angezogen, daß jedes Geräusch, jede Komplikation, jede Abweichung vom Plan zu schwerer Atemnot beim Publikum führt. Es ist eine Demonstration in erzählerischer Ökonomie und Tempoführung.

Die singuläre Gewalttat des Films steht auf diese Weise im Handlungszentrum, und natürlich bringt sie keine Erleichterung, sondern verlagert den wachsenden Druck nur. Plötzlich steht auch, wie häufig in den Filmen Woody Allens, der Zuschauer selbst auf dem Prüfstand: Hat er sich diesen Mord gewünscht? Will er, daß die Brüder ungeschoren davonkommen? Allen enthält sich hier jeglicher Wertung, stellt seine Figuren nur aus und läßt die Identifikation der Zuschauer ihren eigenen Krieg gegen die moralische Ratio ausfechten. Und das alles, während sich die Schicksalsmühlen unerbittlich weiterdrehen, während der unangenehm prosaische Filmanfang sich zu einem wunderbar prosaischen Konflikt steigert und steigert und steigert – und natürlich ganz am Ende wieder zum Beginn zurückkehrt, auf dieses Boot mit dem schicksalhaften Namen. Die erzählerische Spiralfahrt in die Katastrophe ist Allen so groß geraten, daß wir am Anfang fast ausgestiegen wären, dafür werden aber später die Fliehkräfte, die an uns zerren, so groß wie selten.

Herausragender Kollaborateur bei dieser brutalen Zuschauerführung ist neben den wie immer bei Allen überraschend guten Darstellern vor allem die Komponistenlegende Philip Glass, der sich hier mal wieder zu Hochform aufschwingen darf und mit seinen typisch angerissenen Streichern erst für dunkle Vorahnungen sorgt, dann erbarmungslos Spannung aufbaut und schließlich so furios zum Angriff bläst, als gäbe es kein Morgen. Es ist ein triumphaler Score geworden, der sich mühelos in die edlen Hyman-Soundtracks und hochdramatischen Verdi-Opern eingliedert, mit denen Woody Allen in den letzten Jahren seine typischen Jazz-Compilations auf der Tonspur ersetzt hat.

Schon wieder hat Allen also in kürzester Zeit sehr viel erzählt, hat in Bildern des alten Europas geschwelgt, von Oldtimern, Rangierbahnhöfen und britischen Strandpromenaden geträumt, schon wieder hat er Leben aufgebaut und einstürzen lassen. Cassandras Traum ist ein anders geartetes Tier als der zweifellos geistesverwandte Match Point, aber zahmer ist es sicher nicht.

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