Das duftende, modisch grüne Parfum des Geldes
Von Kristina Schilke
Wenn man seit Jahren Quickies gewohnt ist, sollte man sich besser nicht an tantrischen Übungen verausgaben. Vielleicht ist man dann zu schnell außer Atem. Diesen Versuch, den Film
Sex and the City mit den Worten der Kultserie
Sex and the City zu beschreiben, unternehme ich voller Nostalgie, denn ich gebe zu, ein Fan der Serie zu sein. Diese Sitcom-langen Brocken steckten alle sechs Staffeln hindurch voller Zynismus, bissiger Dialoge, einer netten Portion Sex auf gutem Softporno-Niveau und Unmengen an High Fashion, die an den Luxuskörpern der vier Grazien klebte. Alles durfte gesagt werden, über alles durfte so salopp wie irgend möglich gesprochen werden, und sehr vieles durfte gezeigt werden. Kein Wunder, schließlich bürgten auch die drei berühmtesten und besten Buchstaben des amerikanischen Fernsehens für Unabhängigkeit von Quoten und Zensurfreiheit: HBO. Ein Pay-TV Sender, der als güldener Ritter und Retter der biederen amerikanischen Fernsehburg auftritt und uns Meisterwerke im Serienfach schenkte wie
Six Feet Under oder
Die Sopranos.
Mit
Sex and the City wagte er sich, erstmals 1998, zumindest zeitlich gesehen auf das Niveau von konservenkomischen Sitcoms und bot etwas Neues und Mutiges und verpflichtete dafür die höchstens mäßig bekannten Kristin Davis als Charlotte York, Cynthia Nixon als Miranda Hobbes, Kim Cattrall als Samantha Jones und Sarah Jessica Parker als Carrie Bradshaw, Off-Stimme der Serie und Verfasserin einer Sex-Kolumne. Acht Golden Globes, 36 weitere Auszeichnungen, 125 Nominierungen, zehn Jahre und vier gehörig gewachsene Egos und Gagen später geschah Folgendes: Die Macher Michael Patrick King und Darren Star und auch die vier Hauptdarstellerinnen hatten plötzlich wahnsinnige, unauslöschliche Lust auf eine weitere Sommerresidenz in den schicken Hamptons, und so erinnerte man sich plötzlich an diese alte, gute, duftende Geldkuh namens
Sex and the City und beschloß, einen Film daraus zu machen. Oder so was ähnliches zumindest. Man setzte sich wahrscheinlich nicht länger als zwei Wochen hin und schrieb ein Drehbuch. Oder so was ähnliches zumindest. Akkurat gearbeitet mußte es ja nicht sein. Wozu auch? Allein schon, wenn jeder Fan einmal als Pflichtübung sich den Film ansehen würde, könnte man im Hamptons-Haus auch noch das Badezimmer mit Marmor ausstatten. Also schrieb man eben irgendwas. Dann rief man die Schauspielerinnen zusammen und bat alle, sich nicht zu streiten, denn mittlerweile bissen sich die Egos aller vier miteinander wie hungrige Babyratten. Dann klingelte man noch bei so ziemlich allen angesagten Designern an, um mit deren Kleidern, in den ansonsten einer Handlung unnötig geopferten Minuten, Modeschauen zu veranstalten und ließ dutzende von Manolo Blahnik-Schuhen in der Setgarderobe aufstellen, um den fehlenden Humor vielleicht doch durch munteren Fußschmuck auszugleichen.
Das alles jedoch half nichts! Dieser Film, wenn man denn zwei Stunden aneinander geschnittene, an Einfallslosigkeit kaum zu überbietende Szenen ernsthaft als Film bezeichnen kann, dieser »Film« jedenfalls ist durch nichts und niemanden mehr zu retten. Er ist eine Beleidigung für die guten drei Buchstaben des US-Fernsehens, HBO, und eine offensichtliche Publikumsverarschung.
Im Grunde weiß man schon von den ersten paar Minuten an, noch als der Vorspann über die Leinwand zieht, daß dies ein Desaster werden muß. Denn als Anfang nahm man die billigste und einfachste und unoriginellste Methode, um einen Film mit langer Vorgeschichte vorzustellen: Carrie Bradshaw erzählt im Off einfach munter darauf los, was in den letzten drei Jahren, sozusagen nach der letzten Folge der letzten Staffel, alles passiert ist. Und um dieses humorlose Redegehoppse noch ein wenig fantasieloser zu gestalten, schneidet man gleich in die Vokale der großen Aufschrift »Sex and the City« frühe Ausschnitte aus der Serie ein. Es wundert nur, daß sich von den Machern keiner die simple Frage gestellt hat: Wozu? Echte Fans kennen die gesamte Serie mindestens auswendig, und Nicht-Fans werden sich ohnehin hüten, das Kino bei diesem Film zu betreten, weshalb auch eine Einführung gar nicht nötig ist.
Bei so ungefähr jeder anderen Filmkritik würde ich zu diesem Zeitpunkt etwas über die Handlung schreiben. Hier lasse ich es. Nein, ich weigere mich sogar, über die Handlung zu schreiben. Das einzige Zugeständnis an meine Rezensionsprinzipien, die ich sonst pflege, ist ein Satz: Carrie versucht Mr. Big zu heiraten, mit Irrungen und Wirrungen. Das war es. Mehr nicht. Denn vollkommen gleichgültig, wie man sich die einzelnen Handlungsstränge – vier insgesamt wegen der vier Hauptcharaktere – denkt, egal wie man sich ihre Auflösung vorstellt, genauso endet es auch. Hätte ich mir jedes Mal einen Zahn ausgerissen, wenn die Vorhersehbarkeit des Pseudo-Plots mich wieder traf, müßte ich jetzt nur noch Brei essen.
Die Dialoge der Serie waren gewitzt, zynisch und in einem derartig gemeinen Stakkato-Tempo vorgetragen, daß man sich hüten mußte, alles zu verstehen. Kurz gesagt, Oscar Wilde wäre stolz auf diese weiblichen Dandys gewesen. Und nun? Die anvisierten Wortwitze wie Carries Anfangsbrüller: »I was waiting for something big. And there he was: Mr. Big«, spiegelt wahrheitsgetreu das sonstige Witzeklima wider. Von dem so geliebten Zynismus fehlt jegliche Spur, Romantik ist plötzlich modern. Nichts gegen Romantik, aber seit wann in pastellenen Tönen ohne Ehrlichkeit? Und einen Weg, die klassischen Sex-Gespräche zu zensieren, hat man auch gefunden, ebenso ist das Stakkato-Tempo weggefallen, es bleiben nur noch lahme Walzerrhythmen.
Nach den Gesetzen der Rezensionskunst müsste jetzt so etwas wie eine Katharsis kommen. Oder ein finales Statement vielleicht. Auch ein gewisses Einlenken würde es tun. Aber ich kann fast nichts dergleichen liefern außer einer, meinerseits, trocken vermerkten Bestätigung, daß der Charme der Darstellerinnen immer noch ungebrochen ist.