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Half Nelson

USA 2006. R,B: Ryan Fleck. B,S: Anna Boden. K: Andrij Parekh. M: Broken-Social-Scene. P: Hunting Lane Films, Silverwood Films, Journeyman Pictures, Original Media, Traction. D: Ryan Gosling, Shareeka Epps, Anthony Mackie u.a.
106 Min. Arsenal ab 27.3.08

I’m a Loser Baby

Von Marieke Steinhoff Crackrauchend auf der Schultoilette erwischt zu werden ist schon ziemlich peinlich: Man wähnt sich in Sicherheit, das Schulgebäude ist leer, alle sind nachhause gegangen, doch dann Schritte, jemand nähert sich der verschlossenen Toilettentür, bleibt stehen, ein zögerliches »Ist da jemand?«, die Tür wird geöffnet und zack, der Moment der Entblößung. Üblicherweise folgt daraufhin ein Elterngespräch, vielleicht sogar der Schulverweis, aber was, wenn der Überführer eine 13jährige Schülerin ist und das schwitzende und sich schämende Etwas auf dem Klo ihr Lehrer? Dann entwickelt sich aus dieser Begegnung heraus eine Freundschaft ohne moralische Besserwisserei. So lautet zumindest die Antwort des wunderbar wertfreien Highschool-Dramas Half Nelson, in dessen Zentrum der koksabhängige Lehrer Dan und seine lebenskluge Schülerin Drey stehen. Nicht dem üblichen Wertekanon zu verfallen ist eine große Leistung für einen Film, der thematisch eigentlich alles auffährt, was es braucht, um in einem moralischen Lehrstück zu enden. Der unkonventionelle weiße Lehrer, der an einer Public School in Brooklyn Geschichte lehrt, die junge dunkelhäutige Schülerin, die in Berührung mit der Drogenszene kommt, die Konfrontation von »white middle class« und »black poverty« – aber die Klischees werden hier auf den Kopf oder zumindest stark in Frage gestellt; Dan ist halt ein verdammter Kokser, der seinen Stoff bei den Jungs auf der Straße besorgt, und Drey eine selbstbewußte und kämpferische kleine Lady, die keineswegs gewillt ist, sich den Regeln der Straße anzupassen.

Viele Szenen lassen denn auch die Frage nach Gut und Böse, nach Richtig und Falsch als sinnlos erscheinen und bleiben ambivalent; der betrunkene Dan, der sich auf einer Schulparty seiner minderjährigen Schülerin tanzend nähert und ihr ein Stück zu nah kommt, der Dealer Frank, der sich wie ein Bruder um Drey kümmert und sie gleichzeitig als Drogenkurier einsetzt sowie etliche weitere Momente der Grenzüberschreitungen und Moralverletzungen, die aber letztendlich nichts daran ändern, daß man die Protagonisten immer mehr liebgewinnt.

Dies liegt nicht zuletzt an den großartigen Schauspielleistungen aller Beteiligten, allen voran Ryan Gosling, der mit immer schweren Lidern und melancholisch-selbstreflektiertem Lächeln durch sein Leben wabert und ab und zu erstaunt feststellt, daß ihn noch etwas berühren kann. Die wackelige Handkamera begleitet ihn bei seinen Fehltritten und kurzen Momenten des Glücks, empfindet seine Zustände von Unklarheit mit Unschärfe nach, umkreist seinen schwankenden Körper und nimmt immer wieder auch seine Perspektive ein, die Perspektive eines Ziellosen, der den Fokus verloren hat. Bedrückend ist es zeitweise, seinen langsamen Fall aus nächster Nähe mitzuerleben, komisch und berührend aber auch dabei zuzusehen, wie Dan beginnt, sich für einen anderen Menschen verantwortlich zu fühlen und dabei zwischen Vaterrolle, Geliebtem und Freund hin- und herchangiert.

Am Ende hat Dan weder Drey vor dem Einstieg ins Drogengeschäft gerettet noch Drey Dan von seiner Sucht befreit, aber zumindest nehmen sie Anteil am Leben des anderen, und das ist ja schon mal ein Anfang.

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