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An ihrer Seite

Away from Her. CDN 2006. R,B: Sarah Polley. K: Luc Montpellier. S: David Wharnsby. M: Jonathan Goldsmith. P: The Film Farm, Foundry Films u.a. D: Julie Christie, Gordon Pinsent, Olympia Dukakis, Michael Murphy u.a.
110 Min. Majestic ab 6.12.07

Dein schlimm ist mein schlimm

Von Lena Werle Was ist das für eine Welt, in der eine sechssekündige Fahrstuhlfahrt darüber entscheidet, ob man sich im (vermeintlichen) Himmel oder aber in der Hölle befindet? Wohl bemerkt vereint der Himmel in diesem Fall ein dutzend Alzheimerpatienten unter der Obhut einiger liebenswürdiger Schwestern. Ein Stockwerk höher allerdings, im »Second Floor«, ist die Hoffnung auf Genesung dahin, sind die Zimmer kleiner, die Betten schmaler, liegen Windeln und Schnabeltasse im Nachtschränkchen. Als sich Grant und seine Frau Fiona nach vierundvierzig Jahren Ehe und den ersten Anzeichen einer rasch fortschreitenden Demenzerkrankung Fionas gemeinsam für das Pflegezentrum Meadowlake entschließen (von dem hier die Rede ist), könnte der Kontrast nicht größer sein: Aus der idyllisch verschneiten Landschaft ihres gemeinsamen Zuhauses treten Fiona und Grant ein in den sterilen Pflegeheimalltag und verlieren innerhalb von dreißig Tagen all das, was sie zuvor miteinander teilten. Denn nach der Zeit der Eingewöhnungsphase erkennt Fiona ihren Ehemann nicht mehr und wendet ihre ganze Aufmerksamkeit dem ebenfalls unter Gedächtnisverlust leidenden Aubrey zu. Ehemann Grant bleibt allein zurück – und mit ihm all die gemeinsamen Erinnerungen, die er plötzlich alleine zu tragen hat.

Die junge Sarah Polley muß eine unglaubliche Beobachtungsgabe besitzen, um einen so feinfühligen Film wie An ihrer Seite zu schaffen. Jede einzelne Figur ist auf ihre Weise perfekt besetzt, allen voran natürlich Julie Christie, die es erstaunlicherweise schafft, in jenen Momenten, in denen die Krankheit Fiona im Griff hat, jegliche Form von Leben und Kraft aus ihren Augen zu verbannen, obgleich sie einige Augenblicke zuvor noch die schlagfertige, humorvolle und willensstarke Ehefrau spielte.

Von dem Mut, eine Krankheit wie Alzheimer zum Thema ihres Regiedebüts zu machen einmal ganz abgesehen, liegt die Kunst Polleys in ihrer Gabe, sich ausreichend Zeit für ihre Figuren zu nehmen, sich niemals aufzudrängen und so dem Zuschauer einen zarten Einblick in eine vertraute und gefährdete Zweisamkeit zu gewähren, ohne dabei an dieser Tragik hängenzubleiben.

An ihrer Seite ist auch ein Film über Sprache und deren Verlust: Bücher, die zuvor einmal Geschichten transportierten und an Erinnerungen geknüpft waren, sind plötzlich nur noch hübsch bedrucktes Papier, das Vorlesen, einst romantischer Teil des Ehealltags, jetzt nur noch ein In-den-Raum-schleudern bedeutungsloser Worthülsen; Grant muß beobachten, daß sich seine Frau nach und nach in eine Art kleinen menschlichen Roboter verwandelt, wie sie sich an den immer gleichen Sätzen festhält, um ihren Alltag bewältigen zu können. Und auch in den übrigen Teilen des Meadowlake-Kosmos ist diese Thematik präsent: Eine gehörlose Tochter weiß nicht mehr weiter, weil ihre Mutter, die in ihrer Verwandtschaft als einzige die Gebärdensprache beherrscht, diese verlernt; Aubrey hat jegliche Art der Kommunikation eingestellt, seine Frau Marian will sich mit dieser Tatsache nicht zufrieden geben und hofft, daß ihre Worte ihn irgendwie erreichen – die Hüllen der Menschen scheinen dennoch identisch, und das allein ist es, was diese Art der Krankheit für alle Beobachter so unbegreiflich macht.

An ihrer Seite ist ein Film aus der Sicht eines liebenden Mannes, der schmerzlich erfährt, wie sein jahrelanger Begleiter, sein innigster Freund und Gefährte nach und nach verschwindet, wie sich gemeinsame Erinnerungen auflösen und überdeckt werden von Nichtigkeiten eines neuen Lebensabschnitts, dem er nicht mehr angehört. Was man Sarah Polley vielleicht vorwerfen könnte, sind die dann doch sehr klischeebehafteten Nebenfiguren: Es gibt die allzu abgeklärte Chefin des Pflegeheims, die reizende Schwester, die eigentlich das wahre Herz der Einrichtung ist, den »Verrückten« – hier ein Ex-Football-Kommentator – der dennoch die Gabe des exakten Beobachters besitzt (»To my right at the elevators and as we go to the hall, there’s a man with a broken heart. Broken in a thousand pieces«), und das gepiercte HipHop hörende Mädchen, das sogleich Freundschaft mit dem alten Grant schließt. Auch die Rückblenden, die – mit einer Super8-Kamera festgehalten – das Paar in jungen Jahren zeigen und damit Grants Erinnerungen bebildern, hätte der Zuschauer nicht gebraucht.

An ihrer Seite und Away from Her – die Übersetzung könnte unterschiedlicher nicht sein, und doch funktionieren beide Titel hervorragend: Denn Grant bleibt an der Seite seiner Frau, obgleich Fiona, mir der er mehr als vierzig Jahre sein Leben verbrachte, nur noch in seiner Erinnerung lebt.

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