Grenzfall
Von Dietrich Brüggemann
»Spoilers« heißt es immer, wenn ein Schreiber bekanntgeben will, daß er Details einer Filmhandlung zu verraten gedenkt, deren Kenntnis den Genuß des Films schmälern könnte. Wenn man sich den Film lieber naiv und ohne lästiges Vorwissen angucken will, kann man beim Erblicken des Wortes »Spoilers« sofort aufhören zu lesen. Macht natürlich niemand. Wer schon liest, der liest auch weiter.
Für den umgekehrten Fall gibt es kein Wort. Angenommen, ein Autor wolle seiner Leserschaft zu verstehen geben, daß er von dem Film, über den er jetzt schreiben wird, eigentlich gar keine Ahnung hat, dann gäbe es keinen Fachausdruck, um das kurz und knapp anzudeuten. Er müßte es umständlich umschreiben, ungefähr so wie ich jetzt.
The Three Burials ist nämlich ein Film, dessen Dialoge der Originalversion auch für Menschen, die Teile ihrer Kindheit im anglophonen Ausland verbringen durften, komplett unverständlich sind. Die Akteure, allen voran Tommy Lee Jones, bewegen den Mund, aber nur ganz wenig, und dabei entstehen Geräusche. Was sie bedeuten, war zwei Stunden lang kaum herauszufinden. Also, werte Leserschaft, Spoilers: Der Rezensent hat den Film nicht verstanden.
Da wir das hiermit klargestellt hätten, kann es nun losgehen: Der Drehbuchautor Guillermo Arriaga wurde bekannt durch
Amores Perros,
21 Gramm und
Babel, alle unter der Regie von Alejandro Gonzalez Iñarritu. Bitterernste, immer etwas gravitätisch wirkende Filme, in denen man die ganze existenzielle Geworfenheit des Menschen vorgeworfen bekam. Meist begann es mit einem Autounfall, den man dann im Lauf des Films noch öfters zu sehen bekam, denn die Filme verfuhren mit der Chronologie ungefähr so wie Edmund Stoiber mit dem deutschen Satzbau, allerdings mit mehr Absicht und weniger Komik. Nach
Babel trennte sich das kreative Duo und lieferte sich eine öffentliche Schlammschlacht, weil Arriaga der Ansicht war, Iñarritu hätte die ganzen Lorbeeren allein eingesackt und sein Anteil sei in der öffentlichen Wahrnehmung hinten runtergefallen. Doch schon drei Jahre vorher hatte Tommy Lee Jones ein Buch von Arriaga zu seinem Regiedebüt auserkoren und damit einen Testfall in die Welt gesetzt, an dem man ganz gut herausarbeiten kann, was Arriaga ist und was Iñarritu.
Man findet Elemente aus den genannten Filmen wieder: Ein ebenso zufälliger wie tragischer Unfall wird aus mehreren Perspektiven immer wieder gezeigt, verzweifelte Figuren ergeben sich in ihre Einsamkeit oder machen verzweifelte Ausbruchsversuche. Ein Mexikaner, der die Grenze illegal überquert hat und nun nach Arbeit sucht, wird von einem blasierten Jüngling, der gerade bei den Grenztruppen angefangen hat, erschossen, weil der Grenzer dachte, der Mexikaner hätte auf ihn geschossen, dabei wollte der nur einen Fuchs zur Strecke bringen. Daraufhin schnappt sich Tommy Lee Jones, der mit dem Toten befreundet war, den Grenzer und nötigt ihn zu einer Karawane nach Mexiko, um den Mexikaner dort würdig zu bestatten.
Der Film zerfällt in zwei Teile. Der erste ist so nonlinear erzählt, wie Arriaga es seinem Ruf schuldig ist – mal dies, mal das, die Geschichte entsteht im Kopf des Zuschauers. Dann geht die Reise los, und weil ein Road Movie sich einfach nicht gegen die Chronologie erzählen läßt, sind wir ab hier von A nach B nach C unterwegs wie im ganz normalen Kino. Und was dabei fehlt, ist eben doch Alejandro Gonzalez Iñarritu. Der ist zwar ein Freund des hohlen Pathos, und der Schreiber dieser Zeilen kann kaum verhehlen, daß er ihn nicht leiden mag, aber trotzdem hat er eine Radikalität und Unbedingtheit in der Art und Weise, wie er zu seinen Figuren steht, und die fehlt diesem Film. Iñarritu versteht es, Situationen zu überhöhen, auch abseitige Charaktere dem Zuschauer plausibel zu machen und mit inszenatorischer Wucht auf die Leinwand zu donnern. Das brauchen Arriagas Figuren, sonst bleiben sie einem fremd, und das fehlt Tommy Lee Jones. Man schaut zu und bleibt auf Distanz, man sieht rätselhafte Ereignisse in einem fernen Land und ist nicht so recht dabei. Hinzu kommt noch die Sprachbarriere – aber wenn die nicht wäre, wäre vielleicht auch alles anders, daher verweise ich nochmal auf die eingangs geäußerten Vorbehalte, ziehe mich ohne abschließendes Urteil aus der Affäre und empfehle zur Abwechslung mal die deutsche Synchronfassung.