Entschleunigtes Editing?
Von Hans Beller
Alle zwei bis drei Sekunden ein Schnitt: Beschleunigtes Editing war gerade in den 1990er Jahren sehr beliebt. Nun deutet sich eine Umkehrung an: Immer mehr Editoren favorisieren einen Schnitt entgegen der MTV-Konvention.
Alle reden von Beschleunigung, und was ist mit Entschleunigung? Es war der Schriftsteller und Architekt Paul Virilio, der vor ca. 15 Jahren darauf hinwies, daß alle technologische Entwicklung letztlich der Beschleunigung dient. Vor 15 Jahren war sowohl die politische Wende passiert als auch der Digital Turn. Eine politische und eine technologische Revolution hatten die Welt verändert. Der Golfkrieg nutzte die digitalen Medien als Kommunikationswaffen zu einem beschleunigten Krieg mit Bildschirmen als Truppenübungsplätzen an der Medienfront. Für Virilio ist die »letzte Front die Front der Bewegung und ihre Gewalt«, wobei schon »die Erhöhung der Geschwindigkeit im Grunde Freisetzung von Gewalt ist.« Damit setzt er sich entschieden ab von Marinettis Manifest des Futurismus’, in dem er 1909 schrieb: »Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.« Beschleunigung wird also nicht nur als lustvolle Steigerung eines Lebensgefühls erlebt, sondern auch als aggressiver Akt der Moderne. Daß »Zeit Geld ist«, galt schon als Credo der Industriegesellschaft, doch ihre Steigerung zum heutzutage sogenannten »enthemmten Turbokapitalismus« erzeugt auch Ängste, nicht mehr mithalten zu können.
Die politische und technologische Revolution hatte auch Folgen für das Editing, die Filmmontage, durch ihre forcierte Digitalisierung und die damit verbundene Beschleunigung beim Filmemachen und Filmesehen. Die Frage von Hollywood-Editor Walter Murch, »the question is not how fast you can go, but where are you going so fast?«, ist noch nicht zu beantworten. Es kann noch keinen distanziert historischen Rückblick geben wie über eine kultur- und kunst-historisch abgehakte Stilepoche. Denn macht man sich Gedanken zu einem Umbruch, dann gilt nicht mehr unbedingt das Alte, und das Neue ist noch nicht ganz da.
Die Beschleunigung beim Editing ist eine doppelte: einmal die Beschleunigung im digitalisierten Arbeitsprozeß der Montage, zum anderen die Ästhetik des beschleunigten Ausdrucks, der durch Editing dynamisierten Filme und Videos. Die Negation der Beschleunigung, die Entschleunigung, ergibt eine ästhetische Kategorie, denn mit Schnittcomputern werden Arbeitsprozesse zwar nicht entschleunigt, im Gegenteil, aber man kann mit ihnen dennoch die Dynamik von Filmen und Videos entschleunigen. Beim Schreiben der Kolumne als »Word Document« kringelt sich bei dem Wort »Entschleunigung« die warnende Korrekturschlangenlinie unten entlang, der Word-Datei behagt das Wort noch nicht. Der geneigte Leser mag nach dem Artikel mit dem Begriff vielleicht vertrauter umgehen.
Beschleunigtes Editing
Die evolutionäre Entwicklung der »Movies« ist ebenfalls durch Beschleunigung gekennzeichnet. Neben der Ausdifferenzierung von ursprünglich einfachen Single-Shot-Filmen zu Filmen mit immer mehr montierten Einstellungen läuft die Film- und Fernsehindustrie auch in einer empirisch nachweisbaren Überbietungsspirale – immer mehr und kürzere Einstellungen in immer weniger Zeit. So wie generell die Arbeit im »Turbokapitalismus« seit der politischen Wende (mit dem Wort »Turbokapitalismus« hat die Software kein Problem, wird es doch auch von konservativen Wirtschaftswissenschaftlern im angelsächsischen Raum für unser zeitgenössisches Wirtschaftssystem verwendet), so wird auch die Arbeit der Editoren durch die digitalen Schnittcomputer beschleunigt. Doch nicht nur der Arbeitsprozeß des Film-, Fernseh-, und Videoediting, sondern auch die Produkte selber beschleunigen die Informations- und Erzählzeit, die dem jeweiligen zeitbasierten Medium zugestanden wird.
Untersucht man die durchschnittliche Länge der Einstellungen in einem Film, kommt man um ein bißchen Statistik nicht herum, um den subjektiven Eindruck der zunehmenden Beschleunigung innerhalb der Filmästhetik zu überprüfen. Leider liegen uns nur empirische Daten aus dem Spielfilm vor. Statistisch gesehen dynamisierte sich der Film besonders in den letzten 15 Jahren, indem seine durchschnittliche Schnittfrequenz zunahm.
Die Durchschnittliche Einstellungslänge, DEL, lag zwischen 1964 und 1975 im New Hollywood bei 7,4 Sek., beim Mainstream zwischen 1976 und 1987 bei 8,4 Sek. und liegt zwischen 1990 und 2001 bei 4,8 Sek.
Die Anzahl der Schnitte bei Oliver Stones
JFK (1991) liegt zwischen 2.000 und 3.000, bei
Natural Born Killers (1994) bei rund 3.000, wobei die Anfangssequenz, die das Schnittempo vorgibt, innerhalb von 8:10 Minuten etwa 170 Einstellungen hat, also jede Einstellung unter drei Sekunden liegt.
Any Given Sunday (1999) schließlich geht auf 4.000 Schnitte zu. Bei
Lola rennt, Tom Tykwers Film von 1997, beträgt die DEL 2,7 Sekunden, wobei die erste Version der dreiteiligen Story mit durchschnittlich 2,2, der zweite Teil mit 2,6 und das dritte Segment mit einer Durchschnittslänge von mehr als 4 Sekunden geschnitten ist. Der Film verlangsamt sein atemloses Tempo vom Anfang im weiteren Verlauf der dreimal anders erzählten Story. Bei
Blade,
Armageddon,
Rush Hour (alle 1998) dauern Einstellungen im Durchschnitt 2 bis 3 Sekunden. In
Dark City von 1998 liegt die durchschnittliche Einstellungsdauer bei 1,8 Sek. (Avid-Effekt).
Spun (2002), ein Drogenfilm von Jonas Åkerlund, hat 5.000 Schnitte in 90 Minuten, das macht etwa jede Sekunde ein Schnitt. Åkerlund hat für MTV gearbeitet und zuvor Madonna-Videos gemacht.
Die beschleunigten Montagen lassen sich nicht generell auf die Lust an der Dynamik zeitbasierter Medien zurückführen. Beim Rückblick auf die letzten zwei Jahrzehnte kommt der Verdacht auf, daß einige Filme und Fernsehsendungen eher einer angstgeprägten Beschleunigung huldigen, um »up to date« zu sein und um jugendlich zu wirken. Tempo, Pace, Timing und Rhythmus sind zwar einer beschleunigten Darstellung geopfert, aber vermurkst, weil man glaubte, sich an eine irgendwie geartete »Clipästhetik« anpassen zu müssen. Atemlosigkeit, Hektik, der nicht entspannende Rhythmus waren die Folge, die Gelassenheit als Tugend blieb dabei auf der Strecke.
ENTSCHLEUNIGTES EDITING
Bettina Böhler, Editorin der »Nouvelle vague allemande«: »Durch die heutigen Sehgewohnheiten, die sich durch Video- und Clipgesellschaft extrem geändert haben, fällt das Langsame allerdings auf… Ich versuche, Emotionen herauszuholen, und
Alle reden von Beschleunigung, und was ist mit Entschleunigung? Es war der Schriftsteller und Architekt Paul Virilio, der vor ca. 15 Jahren darauf hinwies, daß alle technologische Entwicklung letztlich der Beschleunigung dient. Vor 15 Jahren war sowohl die politische Wende passiert als auch der Digital Turn. Eine politische und eine technologische Revolution hatten die Welt verändert. Der Golfkrieg nutzte die digitalen Medien als Kommunikationswaffen zu einem beschleunigten Krieg mit Bildschirmen als Truppenübungsplätzen an der Medienfront. Für Virilio ist die »letzte Front die Front der Bewegung und ihre Gewalt«, wobei schon »die Erhöhung der Geschwindigkeit im Grunde Freisetzung von Gewalt ist.« Damit setzt er sich entschieden ab von Marinettis Manifest des Futurismus’, in dem er 1909 schrieb: »Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.« Beschleunigung wird also nicht nur als lustvolle Steigerung eines Lebensgefühls erlebt, sondern auch als aggressiver Akt der Moderne. Daß »Zeit Geld ist«, galt schon als Credo der Industriegesellschaft, doch ihre Steigerung zum heutzutage sogenannten »enthemmten Turbokapitalismus« erzeugt auch Ängste, nicht mehr mithalten zu können.
Wenn Hollywood glaubt, die Kunst des Films sei es, die langsamen Momente aus dem Leben herauszuschneiden, dann beweist es Gus van Sant 2003 in
Elephant anders, undramatisch, und kommt gerade damit bei der Generation an, der man konditionierte Ungeduld bei einem Film mit langen Einstellungen unterstellt. Der Film ist 79 Minuten lang und hat 101 Schnitte, die Gus van Sant montiert hat. Die »true story« basiert auf dem Schulmassaker von Columbine und wird in langen Plansequenzen erzählt. Die langen Gänge, mit der Kamera im Egoshooter-Stil von Computerspielen gehalten, kommen zwar den Sehgewohnheiten dieser Generation entgegen, aber in den ersten 20 Minuten passiert so gut wie gar nichts, wenngleich am Schluß dann, der Realität entsprechend, die Hölle los ist.
Auch beim Blick über den großen Teich auf den Dokumentarfilm gibt es Ausnahmen: Der Dokumentarfilmer James Benning geht von seinem Konzept aus, das Wesen der Bilder dürfe nicht dem Narrativen, den plotorientierten Erzähltechniken, untergeordnet werden, daher zeigt er in seinem Film
13 Lakes (2004) auch 13 große amerikanische Seen in festen Einstellungen von je zehn Minuten Länge. Das erlaubt meditatives Filmerleben, das die Sinne auch für unspektakuläre Geräusche wie Schilf-, Wind- und Wasserrauschen schärft.
Diese Art von entschleunigendem Editing hat auch hiesige Filmstudenten beeinflußt. Bei einem Teil der nachrückenden Generation kann man eine Haltung beobachten, die sich einer Beschleunigung entzieht. Ausgerechnet Mitglieder der Generation, deren Sehgewohnheiten man im Fernsehen als zappelig und flippig beschwor, der man nachsagte, sie sei durch MTV so konditioniert, daß sie nur unruhig zappen könne, soll nun der Langsamkeit frönen? Demonstrierten schon die Vertreter der »Nouvelle vague allemande« eine Verweigerungshaltung gegenüber immer stärker zunehmenden Schnittfrequenzen, läßt sich insbesondere im Dokumentarfilm eine Tendenz zur Entschleunigung aufzeigen. Nur ein paar Namen und Titel, die vielleicht nicht repräsentativ, aber symptomatisch für eine Parallelentwicklung zur Beschleunigungsthese stehen:
Moskatchka (2004), Regie und Montage von Anette Schützes aus der HFF Babelsberg, wurde von Kameramann Aleksandr Grebevs in dem Vorort von Riga namens »Moskau« an 25 Stellen im April bis Juno 2004 gedreht. In 90 Minuten zeigt der Film zwölf verschiedene Orte in »Minimal Art« jeweils zweieinhalb Minuten lang. Zu jedem Ort kehrt die Filmemacherin zwei mal zurück.
Gysi und ich – Eine Begegnung in 12 Kapiteln (2006), ein Beispiel aus der Filmakademie Ludwigsburg, 61 Minuten lang, von Maik Bialk. Dieses Porträt ist voller langer, beobachtender, ungeschnittener Plansequenzen, die damit Authentisches über Gregor Gysi verraten.
Kopfende Hassloch (2006), ein Beispiel aus der Kunsthochschule für Medien Köln, ist von Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier (beide Regie und Schnitt). Der Film, der die Ruhe weg hat und viel in Plansequenzen erzählt, wurde zum Besten deutschen Nachwuchsfilm auf dem Internationalen Studentenfilmfestival »Sehsüchte« in Potsdam 2006 gekürt und bekam den Preis für den Besten Schnitt in der Kategorie Dokumentarfilm beim Deutschen Kamerapreis 2006.
Die Entschleunigung bleibt als Tendenz sichtbar, entbehrt aber noch wissenschaftlicher Methodik. Es geht darum, sich den Blick nicht von Statistiken verstellen zu lassen und auch die Filme einzubeziehen, die vorerst vielleicht unter das Signifikanzniveau fallen. Denn oft sind die scheinbaren Ausnahmen das Interessantere. Daher kann man zwar feststellen, daß sich statistisch gesehen die Schnittfrequenz in den letzten 15 Jahren erhöht hat, aber daraus eine normative Ästhetik für den Spiel- oder Dokumentarfilm abzuleiten, das wäre totalitär!