Epos der alten Schule
Von Sascha Seiler
Als Bertoluccis Mammutwerk 1976 herauskam, war Robert de Niros Stern gerade erst am Aufgehen. Hier spielen er und Gerard Depardieu zwei Männer, die - am gleichen Tag zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren - die erste Hälfte desselben aus verschiedenen Perspektiven erleben. Depardieu ist ein Bastard aus einer Bauernfamilie und de Niro ein Sohn von Großgrundbesitzern. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Bertolucci erzählen möchte, ist vor allem die Geschichte von Aufstieg und Fall des Faschismus und wie er zwei aufgrund ihrer Herkunft grundverschiedene Männer ihr Leben bewältigen läßt. Eine typische politische Fallstudie also, orientiert an den Einzelschicksalen zweier unterschiedlicher Männer? Oder auch eine Geschichte von »Gewalt, Macht, Leidenschaft« und »Kampf, Liebe, Hoffnung« wie die Untertitel des nun als Zweiteiler laufenden Epos dem Zuschauer glaubhaft vermitteln wollen?
Bereits hier zeigt sich alles, was eine solche Fallstudie ausmacht: vom Aufstieg zum Fall und zurück zur Gewißheit, daß es im Leben um mehr geht als Macht und Geld. Auch das mag der Film vermitteln wollen.
So war das eben in den 70ern: Epische Erzählbreite, von
The Godfather Part II bis in die 80er hinein zu Sergio Leones
Once Upon a Time in America. Erstaunlich eigentlich, daß der Drang zur Schnelligkeit heutzutage einen solch epischen Atem regelrecht verbietet. Selbst Scorseses
Gangs of New York merkt man seine breit angelegte Zeitstudie nur selten an, während das 70er-Jahre-Epos vielleicht etwas zu langatmig daherkommt, um heutigen Sehgewohnheiten noch zu dienen. Gut, die 325 Minuten von
1900 sind vielleicht etwas viel verlangt, aber was ist das schon im Vergleich zu den ca. 13 Stunden von Edgar Reitz'
Heimat oder gar den 26 Stunden seiner
Zweiten Heimat. Bedenkt man, das Reitz für
Heimat die Grundidee von
1900 von Bertolucci geklaut hat, dann wirkt
1900 wahrscheinlich letztendlich doch als Kulturgeschichte im Zeitraffer. Wann kehrt das Epos denn nun eigentlich in unsere Kinos zurück?