Von Annette Kilzer
Ein Kleinstadtmotel in Pennsylvania, 1969. Die Holzveranda ist dunkel und morsch, kein Gast setzt sich je auf die rostigen Gartenstühle, die vor den Bungalows in den Boden einsinken, und über den Rasen hat sich Herbstlaub gelegt, das niemand zusammenrecht. Da blitzt zwischen den braunen Blättern plötzlich ein goldgelber Haarschopf auf, und die Feuerwehr muß ein Mädchen aus einem Kaninchenbau befreien. Denn Harriet will weg – weg von der Tristesse, weg von ihrer trinkenden Mutter und weg von ihrer großen Schwester Gwen, die schamlos mit jedem Hotelgast flirtet. Darum buddelt die naseweise Zehnjährige im Vorgarten einen Tunnel, der sie bis ans andere Ende der Welt nach China führen soll, oder setzt sich mit gepacktem Koffer auf den Schulhof, in der Hoffnung, ein Ufo möge landen und sie entführen. Stattdessen kommt Ricky, 20 Jahre älter, geistig zurückgeblieben und mit seiner Mutter auf der Durchreise in ein Pflegeheim. Die beiden Außenseiter freunden sich an, mißtrauisch von den Erwachsenen beäugt
Bis Jörgen Persson endlich einreisen durfte, verging mehr Zeit, als er letztendlich in den USA verbrachte. 28 Tage dauerten die Dreharbeiten zu Träume bis ans Ende der Welt, doch bevor die erste Klappe fallen konnte, hatte Timothy Hutton über 40 Tage mit den Behörden um ein Arbeitsvisum für den schwedischen Kameramann ringen müssen. Ohne ihn aber wollte er nicht arbeiten, denn Persson hat Lasse Hallströms Mein Leben als Hund fotographiert – jenen Film, den Hutton als Inspiration für sein Spielfilmregiedebüt nennt. Das Vorbild hat er denn auch in schier jeder Einstellung mitinszeniert, hat Atmosphäre und Ästhetik, vor allem aber die Thematik aufgegriffen. Leise und auf eine rührende Art unspektakulär erzählt Träume bis ans Ende der Welt von den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens – vom Verzweifeln und blinden Vertrauen, von Melancholie und Mutterwitz und von den Schmerzen, die gerade jene den Kindern zufügen, die sie um jeden Preis davor bewahren wollen.